Shadow of the Colossus

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.
Wieder habe ich einen der Kolosse zu Fall gebracht. Wieder habe ich seine Schwachstelle gesucht, gefunden und gnadenlos ausgenutzt. Wieder wache ich im Tempel auf, sehe die Statur des letzten Kolosses zersplittern, sehe die immer weiter anwachsende Zahl der Schatten, die mich betrübt anstarren und sehe das Mädchen auf dem Altar liegen. Auch die Anzahl der leuchtend weißen Tauben, die Rund um ihren Leichnam herumflattern ist mal wieder gestiegen. Ich schaue kurz bei meiner namenlosen Geliebten vorbei, sehe keine Veränderung und begebe mich wieder auf die Suche nach dem nächsten Ungetüm.
Mein alter Kumpel Agro wartet schon und wiehert mich kurz an. Auf seinem Rücken geht es wieder dem Licht nach. Immer dem Licht nach, dass sich in meinem Schwert bündelt. Über karge Steppen, vorbei an rauschenden Wasserfällen und durch dichte Wälder. Am Ende wartet immer ein weiterer großer Kampf auf mich. Wieder werde ich alles probieren, um den riesigen Koloss zu bezwingen...
„Shadow of the Colossus“ bietet einige der intensivsten Kämpfe der Videospielgeschichte.
Hunderte Meter ragt der Koloss über einem in den Himmel. In der Rechten führt er ein riesiges steinernes Schwert. Beinah in Zeitlupe holt er aus und doch schafft man es nur mit Mühe, sich mit einem rettenden Sprung zu Seite in Sicherheit zu bringen. Links von einem spritzt die Erde in alle Richtungen, Staub wirbelt über den Bildschirm und der Boden vibriert. Man darf sich jetzt nicht ablenken lassen. Schnell stolpert man durch die aufgewirbelte Dunstwolke auf die große rechteckige Klinge zu, die nun in die Erde gebohrt ist. Die Zeit läuft davon. Schon ruckt der Koloss an seiner Waffe, um sie zu befreien. Im letzten Moment springt man ab, klammert sich an die schartige Steinkante und wird in die Luft gehoben. Wütend schwingt euer Gegner das Schwert hin und her. Jetzt muss das Timing stimmen. Im richtigen Moment zieht man sich an der Kante empor rennt über die Klinge zur Hand und springt an den zotteligen Arm. Von dort klettert man über die Schulter zum Kopf. Direkt zur ersten Schwachstelle. Immer und immer wieder rammt man sein Schwert in die leuchtende Stelle, bis diese erlischt. Noch fällt der Koloss nicht. Wo ist die zweite Schwachstelle? Panisch klettert man zurück auf die Schultern und schaut sich um. Am Rücken ist ein weiteres leichtes Schimmern zu erkennen. Ein letzter Sprung vom Arm zum Rücken. Erneut sticht man zu und diesmal reicht es. Unter lautem Getöse und einem traurigen Schrei stürzt der Koloss nieder, löst sich in dunkle Schatten auf, die einen selbst erfassen. Stöhnend fällt man in Ohnmacht.
Ich habe noch nichts vergleichbar spektakuläres spielen dürfen und das ist noch einer der einfachen Kämpfe.
„Shadow of the Colossus“ bleibt bis zum Ende spannend, obwohl die Spielstruktur super simpel und immer wiederkehrend ist. Die schlussendliche Auflösung ist überraschend aussagekräftig. Ich hatte mit einem noch viel offeneren Ende gerechnet.
Kann man mit der melancholischen Stimmung etwas anfangen, so bietet das Spiel eine wunderbare Atmosphäre. Nichts wirkt irgendwie aufgesetzt, alles passt perfekt zusammen. Während der Kämpfe erschallt ein antreibender orchestraler Soundtrack, während auf den langen Reisen auch mal einfach nur Stille herrscht. Nur durchbrochen vom klappern der Hufe, dem rauschen des Windes oder dem kreischen eines Vogels am Himmel.

Kleine Kritikpunkte trüben den Gesamteindruck nur minimal. Die Kamera macht nicht immer was man will, hat aber bei mir zu keinen spielerischen Schwierigkeiten geführt. Ich bin in keine Schlucht gefallen und habe auch keinen Schlag verpasst. Klar, man muss immer wieder nachjustieren und den Button für die Zentrierung auf den Koloss benutzen, aber so schlimm ist das nicht.
Ärgerlicher waren die beiden Situationen, in denen ich die richtige Taktik zum besiegen meines Gegenübers verfolgte, ohne Erfolg zu haben. Wenn man das Problem durchschaut hat, sollte das Spiel einem auch ein wenig dabei Helfen es zu lösen. Zum Beispiel Geysire, die immer genau dann kein Wasser spritzen, wenn man es braucht, oder Kolosse, die immer auf die falsche Bodenplatte trampeln, obwohl man selbst genau richtig steht. Das war mir ab und zu etwas zu viel „Trial and Error“.
Ansonsten bin ich begeistert und gebe mich jetzt dem quasi Vorgänger „ICO“ hin.
rüssel - 20. Feb, 16:12
